DER START INS LEBEN
Geboren wurde ich im Januar des Jahres 1971 in einem kleinen Dorf am Jadebusen, als Sohn eines KFZ-Mechanikers und einer Änderungsschneiderin. Im Radio stand „Song of Joy“ von Miguel Rios als Nummer 1 in den Charts. Meine Eltern waren gerade mal 24 und 22 Jahre alt, und sie hatten bereits eine zweijährige Tochter. Verrückt oder, aber so waren die Zeiten. Mein Vater war der Jüngste von drei Brüdern und kam aus sehr einfachen Verhältnissen. Meine Mutter war das Nesthäkchen ihrer Familie. Nach dem tragischen Unfalltod ihres Vaters wurde sie bereits in jungen Jahren zur Waise.

Ich liebte meine Kindheit in diesem kleinen Dorf am Deich. Es gab einen SPAR Laden in welchem ich mit ein paar Pfennigen eine Süßigkeitentüte füllen konnte, oder für 2 Mark einen Liter Milch mit der blechernen Milchkanne vom Bauern holte. Und es gab zwei Kneipen, wo mein Vater gerne war und ich dort das Billardspiel erlernte. Wir hatten nie viel Geld, aber es gab viel Liebe im Haus. Mein Vater arbeitete viel. Nach der Arbeit fuhr er oft noch mit dem Fahrrad in die Stadt um dort in einem Autorennstall als Mechaniker auszuhelfen. Das kleine Häuschen mit 80qm Wohnfläche und großem Garten war sein ganzer Stolz. Ganz zu Beginn lebten sogar zwei Familien in diesem kleinen Haus – irgendwie unvorstellbar heute.
DIE SCHULZEIT
Es gab eine Grundschule in der ich zu Fuß mit meiner Schwester ging. Ich war ein sehr guter Schüler, welcher Spaß am Lernen hatte. Meine Zeugnisse hatten mehr Einsen als Zweien. Allerdings waren meine Haare kupferrot, was mich neben der Intelligenz schnell zum Außenseiter machte. Heute würde man es Mobbing nennen, damals fand ich es einfach nur fies auf dem Schulhof verprügelt oder abgezogen zu werden. Ich blieb mir treu in allen Menschen immer zuerst das Gute zu sehen, scheute dabei aber jeglichen Konflikt – etwas was ich bis heute mit mir trage.
Als ich 10 Jahre alt war ging es auf die weiterführende Schule und musste dort mit dem Bus hinfahren. Meine schulischen Leistungen brachen in der Orientierungsstufe auf ein mittleres Niveau ein, so dass ich die Empfehlung für den Besuch der Realschule bekam. Die Busfahrt, die Stadt, die Größe der Schule, die Anzahl der Schüler – irgendwie war alles viel zu viel für mich. Es gibt kaum schöne Erinnerungen an diese Zeit für mich – die Freunde die ich hatte waren allesamt Außenseiter, oder wie man heute sagen würde : Nerds.
AUF INS BERUFSLEBEN
Ich beendete mit 16 die Schule mit einem soliden 2,5er Schnitt und stürzte mich ins Berufsleben. Handwerk hatte mich irgendwie nie interessiert – ich wollte mit dem Kopf arbeiten. Mit meinem Schulabschluss war ich da natürlich eingeschränkt und so begann ich eine Ausbildung im Öffentlichen Dienst – genauer gesagt beim Arbeitsamt Wilhelmshaven. Rückblickend war es eine nette Zeit. Man verdiente das erste Geld – knapp 300 Mark – und hatte Mitstreiter im Jahrgang mit demselben Ziel. Im Jahr 1990 schloss ich die Ausbildung zum „Fachangestellten für Arbeitsförderung“ erfolgreich ab und bekam den Posten, welcher sich mit dem Arbeitserlaubniswesen beschäftigte. Ich hatte also direkt Verantwortung mit Publikumsverkehr. Ausländer aus verschiedenen Ländern kamen zu mir um Arbeit zu finden. Damals war die Arbeit oft schwierig. Die Menschen waren nicht immer freundlich, und ich wurde regelmäßig beschimpft oder bedroht. Für einen 19-jährigen jungen Mann, der eigentlich nur helfen wollte, war das nicht leicht. Zum ersten Mal keimte der Wunsch auf, alles hinzuwerfen. Wer im sozialen Brennpunkt arbeitet kennt sicher diese Erfahrungen und Gedanken. Die Gründe sind vielschichtig, aber das Erlebte war real.
DER DIENSTHERR RUFT

Kurz nach dem Ende der Ausbildung kam dann auch Post von der Bundeswehr, denn meine Wehrpflicht war ja nur für die Ausbildungszeit ausgesetzt. Ich entschied mich relativ spontan, dieses als Chance zu nutzen auszubrechen und bewarb mich als Pilot bei der Luftwaffe. Was für eine größenwahnsinnige Idee. Den Wehrflugverwendungs-tauglichkeitstest in Fürstenfeldbruck bestand ich zunächst erfolgreich. Wenig später platzte jedoch mein Traum vom Fliegen: Beim Medical Screening wurde eine Auffälligkeit im Ruhe-EKG festgestellt. Allerdings hatte mein damaliger Wehrdienstberater einfach „Flugsicherungskontrolloffizier“ als weiteren Verwendungswunsch eingetragen, falls Pilot nicht klappen sollte – welch‘ Fügung des Schicksals.
So begann ich am 1.1.1992 meine Karriere bei der Bundeswehr, absolvierte die Grundausbildung in den Niederlanden, den Unteroffiziers- und Sprachenlehrgang in der Nähe von Hamburg, lernte meine heutige Frau kennen und verschwand direkt für 9 Monate nach Kaufbeuren um an der dortigen Akademie Fluglotse zu werden. Am 17.11.1995 erwarb ich dann meine Lizenz auf dem Tower von Jever und wurde kurz nach meinem Offizierslehrgang in Fürstenfeldbruck zum Berufssoldaten ernannt – im Radio lief SNAP.
DIE DEUTSCHE FLUGSICHERUNG
Es dauerte gar nicht lange, da gab es eine Anfrage der Deutschen Flugsicherung. Diese suchte händeringend Fluglotsen mit militärischer Expertise um im deutschen Luftraum große Übungen zu koordinieren. Mein damaliger Chef der Flugbetriebsstaffel bat mich zu Gespräch und sagte, das er mich für fähig hält diese Ziel zu erreichen. Wir hatten vor kurzem gerade unsere erste eigenen Wohnung bezogen und mochten den Ort sehr. Zudem lagen Jahre des Reisens für den Job und unsere Wochenendbeziehung gerade hinter uns – die Familienplanung stand an. Trotzdem reizte mich die Chance auf Veränderung und ich sagte zu. 1998 begann also meine Ausbildung bei der Deutschen Flugsicheurng in Frankfurt und die Transformation eines Towerlotsen zu einem Radarkontrolllotsen.
Die Ausbildungszeit habe ich in sehr guter Erinnerung. Es hatte etwas von einem Campus. Überall junge Menschen, die Fluglotsen werden wollten. Und mittendrin ich – inzwischen 27 Jahre alt und bereits mit einiger Berufserfahrung. Ich schaffte auch dies Hürde problemlos und wurde ins Kontrollzentrum nach Bremen entsandt, wo ich fortan die nächsten 10 Jahre als „beurlaubter Soldat“ für den norddeutschen Luftraum die Kontrolle übernahm. Ich habe die Arbeit vom ersten Tag geliebt und auch rein zivile Sektoren kontrolliert. Die Uniform habe ich nicht vermisst – im Gegenteil. Ich nutzte die Chance mich innerhalb der Firma weiterzuentwickeln. Wurde Nachwuchsbeautragter, Ausbilder, Prüfer, Kompetenzbeurteiler, Moderator für das Team Ressource Management und , was mich besonders stolz machte, von über 300 Kollegen zum psychologischen Erstansprechpartner, dem sogenannten CISM PEER gewählt. Diese Ausbildung berührte mein Herz und mein Bedürfnis anderen Menschen zu helfen wurde gestillt.
Nach 10 Jahren bei der Flugsicherung wurde ein Abkommen geschlossen, dass ich bis zur Pension bleiben darf, da die DFS ungern auf meine Dienste verzichten würde. Weiterhin bleibe ich zwar offiziell Soldat, allerdings wurde meine Beurlaubung bis 2027 verlängert.
DER STRESSCOACH
Von Anfang fand ich die Kombination aus Stress und Verantwortung faszinierend. Im Sekundentakt gaben wir den Piloten Steigraten, Kurse und Geschwindigkeiten vor, damit sie sicher an ihr Ziel gelangen konnten. Das ganze maximal 2 Stunden am Stück im Schichtdienst. Ich erkannte wie belastbar junde Kollegen sind, und wie die Aufmerksamkeitsspanne der älteren Kollegen nur durch die Erfahrung ausgeglichen wurde. Ich wollte tiefer in diese Materie einsteigen und begann 2009 ein Fernstudium zum Stressbewältigungs- und Entspannungstherapeuten am Deutschen Fachzentrum für Stressbewältigung. Hier erlernte ich diverse Techniken, die ich fortan auch in meiner Tätigkeit als CISM Peer nutzen konnte. Das Thema Mediation und der Umgang mit den eigenen Gedanken. war für mich besonders faszinierend, wie auch die positive Psychologie. In den folgenden Jahren tauchte ich immer tiefer in diese Materie ein und leitete alsbald selbst Meditationskurse und besuchte ZEN Klöster in Japan.
DIE UNTAUGLICHKEIT
Wahrscheinlich wäre ich auch heute noch, im Juni 2026, Fluglotse vor dem Radarschirm. Allerdings war es mir nicht vergönnt bis zum Pensionsalter in dieser Funktion zu arbeiten. Bereits mit Corona und dem erschwerten Arbeiten mit FFP2 Masken und Plexiglaswänden fiel mir auf, das ich kaum noch ein Wort verstehe – ein irreparabler Hörschaden, der genetisch bedingt ist. Mein Vater und meine Schwester teilen dasselbe Leid mit mir. Hörgeräte halfen mir über eine gewisse Zeit, aber leider erfülltei ch die medizinischen Mindestanforderungen nicht mehr. Erschwerend hinzu kam, das bei mir eine entartete Leukoplakie – eine Vorstufe des Zungenkrebses – entfernt werden musste. Beides in Summe ergab im November 2023 meine Untauglichkeit. Die Leukoplakie wurde in der Folgezeit aufgrund mehrerer Operationen omnipräsent und Termine bei Fachärzten sind weiterhin lebensnotwendig.
Die Flugsicherung erwies sich wieder einmal als fantastischer Arbeitgeber, und verhandelte mit der Bundeswehr, das ich wertvoll für ein Zukunftsprojekt sei, in welchem mittels Trajektorien und KI eine Software Konflikte auf dem Radarschirm erkennen und den Fluglotsen in Zukunft unterstützen soll – hier bedarf es dringender Anpassungen an militärische Bedürfnisse – uns so wechselte ich in das Projekt iCAS in welchem ich mich bis zur Pensionierung im Januar 2027 einsetzen werde.
tbc
Was ich vom Leben gelernt habe
- Die größten Irrtümer meines Lebens
- Begegnungen, die mich verändert haben
- Briefe an die Zukunft
- Mein Nachlass der Gedanken
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